Abschied nehmen tut weh

Veränderungen fallen allen Menschen schwer, besonders im Alter. Meine Eltern hatten ihr Einfamilienhaus mühsam erworben. Es war ihr grosser Stolz, ein Zeichen ihres sozialen Aufstiegs. Verlassen wollten sie es nie. Dann verlor meine Mutter in der Stube ihr Gleichgewicht, fiel um und musste ins Spital. Heimgehen und Weiterhaushalten lag ausserhalb vom Denkbaren. Hals über Kopf suchten wir eine neue Bleibe. Das Haus musste durch die Kinder geräumt werden. Das war viel Arbeit, und ich dachte mir: "Das will ich dereinst meinen Kindern nicht zumuten."

Rechtzeitig planen
Mein Mann und ich wollten die Thematik Auszug angehen und verlegten sie auf den Zeitpunkt unseres 60. Geburtstags. Als er da war, realisierten wir, dass die Zeit zu früh war: Wir befanden uns noch beide im intensiven Arbeitsprozess, zum Teil lebten die Kinder noch daheim. Im Estrich gab es Berge von über Jahre gesammeltem Material. Uns schien es unmöglich, jetzt einen Umzug zu organisieren. Wir verschoben den Termin. Fünf Jahre später wohnten die Kinder phasenweise immer noch zuhause, der Estrich war nicht leerer geworden und die Pensionierung von mir und meinem Mann zog sich in die Länge. Dann kam eine Krankheit, die uns für zwei Jahre stilllegte.

Nichts will passen
In diesem Jahr wird mein Mann siebzig. Die Kinder haben ihre Zimmer geräumt und sind definitiv ausgezogen, der Estrich ist etwas weniger voll... Zeit, sich umzuschauen. Wir studieren Zeitungsinserate. Wo wollen wir in Zukunft wohnen? Welche Wohnung soll es sein? Die Wohnung kaufen oder mieten? Wir stellen Kriterien für eine Alterswohnung auf: nahe von Bus, Bahn und Einkauf, mit Lift und rollstuhlgängig, nicht zu gross, aber auch nicht zu klein - und: Mein Mann wünscht sich eine Wohnung mit etwas Aussicht. Wir schauen uns Wohnungen an. Es gibt wunderbare Objekte, doch jede hat einen Mangel: zu teuer, zu wenig Aussicht, in der falschen Gemeinde, kein Lift oder Bus in der Nähe usw.

Zu teuer für uns
Einmal besuchen wir eine ganz moderne, bezahlbare Wohnung in der Nachbarsgemeinde. Wir stellen fest, dass wir die Gemeinde, wo wir unsere Freunde und Bekannten haben, nicht verlassen wollen. Endlich ein kleiner Konsens. Dann finden wir in der Zeitung ein tolles Angebot zum Kaufen. Die Besichtigung verläuft positiv: Es ist eine schöne Wohnung zu einem - höre und staune - moderaten Preis. Unsere Kriterien sind erfüllt - bis auf eines: Noch gibt es Aussicht auf den Hausberg, doch der Bebauungsplan sagt uns, dass diese dereinst mit weiteren Häusern zugebaut werden kann. Mein Mann hat Bedenken. Ich sage: "Keine Wohnung für unser Budget erfüllt alle unsere Kriterien, bei dieser stimmt fast alles." Wir kaufen sie, fühlen uns aber nicht bereit, in aller Eile umzuziehen. Wir entscheiden, sie für eine Zeit zu vermieten.

Es ist immer zu früh
Über Weihnachten lausche ich im Fitnesscenter einem Gespräch einer älteren Frauengruppe: "Wo warst du über Weihnachten?" Eine war bei ihren Kindern, die andere hat mit ihrem Mann gefeiert, die dritte blieb alleine. "Ich habe eine grosse Veränderung vor mir. Am ersten gebe ich meinen Autofahrausweis ab", sagt eine der Frauen. Die Aussage klingt nicht freudig, eher verunsichert und traurig. "Was, du hast dich entschieden", ruft eine Kollegin begeistert. Sie nehme schon lange den Bus, das sei überhaupt kein Problem. Auch die Frau mit dem Auto hat einen Bus fast vor der Haustür, findet den Weg mit dem Auto viel bequemer und schneller. Ich möchte zu gerne wissen, wie alt die Damen sind, widerstehe aber dem akuten Drang mich umzudrehen. Als die Frauen zum Ausgang gehen, wage ich den Blick und staune: Die Frau mit Auto geht auf ziemlich wackeligen Beinen, und ich schätze sie gegen neunzig. "Abschied nehmen tut weh und die Veränderungen kommen immer zu früh", denke ich. Ich nehme mir vor, endlich das Haus zu räumen und den Umzug vorzubereiten.

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© 2017 Bernadette Kurmann