Ich fühlte mich wie ein kleiner Wurm

Wir alle hatten Schulkolleginnen und -kollegen, die besser waren als wir. Wir haben sie bewundert, bisweilen bekämpft. Im Idealfall haben wir gelernt, dass wir von ihnen profitieren können. Wir bewundern die weltberühmten Solistinnen und Dirigenten und geniessen die Musik, die sie uns schenken. Wir würden auch gerne schreiben wie Frisch und Dürrenmatt, und sind gleichzeitig ihre begeisterten Leserinnen und Leser. Schön, wenn wir im Alter gelernt haben, mit dem zufrieden zu sein, was uns geschenkt wurde. Schön, wenn wir akzeptieren können, dass wir keine Anne-Sophie Mutter sind und auch kein James Joice - und uns dabei trotzdem gut fühlen. Meistens gelingt mir das. Doch ein Erlebnis mit einer Freundin hat mich stark ins Wanken gebracht.

Schon seit Jahren erzählte sie mir von ihrem Projekt in der Ukraine. Sie berichtete von der entsetzlichen Situation behinderter Waisen, die unter menschenunwürdigen Zuständen leben. Sie müsse etwas tun. Sie hielt mich auf dem Laufenden über eine Vereinsgründung mit dem Ziel, im fernen Land für benachteiligte Menschen ein Heim aufzubauen. Sie beschrieb mir, wie schwierig das Geldsammeln sei. Ich hörte von Querelen innerhalb des Vereins, vom plötzlichen Absprung vereinzelter Helferinnen, die es mit der Angst zu tun bekamen.

Meine Freundin wurde Präsidentin des Vereins. Fast gezwungenermassen - weil jemand absprang - übernahm sie auch die Projektleitung, und als Journalistin war sie prädestiniert für die Geldbeschaffung. Leute mit Erfahrung mit ähnlichen Projekten prophezeiten ihr, dass sie ihr Ziel wohl kaum erreichen werde. All das hinderte meine Freundin nicht, ihren Weg zu gehen. Sie hatte Unterstützung im Verein und gute Partnerinnen im fremden Land. Heute betont sie, dass das Projekt ohne all dieses Mitwirken nie realisiert worden wäre. In all den Jahren kam ich nicht aus dem Staunen heraus. Sie, fünffache Mutter, hatte eine Riesenenergie. Je grösser die Probleme, desto mehr fühlte sie sich herausgefordert. Ich erhielt Bettelbriefe, und natürlich zahlte ich dann und wann etwas ein. Vor ein paar Jahren war es dann so weit. Das Heim wurde eröffnet.

Eines Tages beschlossen wir, dass sie mir das Heim vor Ort zeigen würde. Meine Freundin hatte ein klares Konzept für die Reise. Ich sollte das Kinderheim sehen, das sie vor über zehn Jahren besucht hatte und das sie mit anderen dazu motivierte, etwas zu unternehmen. In der Zwischenzeit hatte das Heim für Kinder mit körperlichen und geistigen Behinderungen massive Fortschritte erzielt. Was ich zu sehen bekam, war dennoch jenseits des Vorstellbaren. Es war gerade Mittagszeit, die Kinder draussen beim Essen. Wer nicht selbständig am Tisch essen konnte, lag im Schatten. Ich sah unvorstellbare Verkrüppelungen, und alle hatten - wegen der Läuse - einen geschorenen Kopf. Acht Frauen fütterten die rund siebzig Schwerbehinderten in einer Geschwindigkeit, die mich ans Fliessband erinnerte. Ich staunte über die Frauen - sie alle stammen aus der Umgebung - mit welcher Ruhe und mit welchem Überblick sie die Lage im Griff hielten. Wir besuchten die Schlafzimmer: Ein Dutzend Betten standen eines neben dem anderen. Frauen, die nicht draussen arbeiteten, strichen die abgewetzten Türen neu.

Der nächste Abstecher unserer Reise war das Heim meiner Freundin. Aufgestellte Erwachsene mit einer Beeinträchtigung begrüssten uns. Sie kannten meine Freundin und freuten sich riesig über ihren Besuch. Wir sahen einen gepflegten Gemüsegarten, Hühner und Gänse, eine Katze schlich sich davon. Im Stall wurde die kürzlich angeschaffte Kuh gehalten. In den Zimmern im Wohnhaus standen zwei Betten. Im Nebengebäude gab es Räume für die Beschäftigung: zum Weben, Filzen, Malen usw. Der Verein arbeitet nachhaltig, schickt immer wieder Freiwillige - Weberinnen, Filzerinnen, Heilpädagoginnen, Ergotherapeutinnen - damit sie ihr Knowhow in die Ukraine tragen. Ich spürte grosse Wertschätzung und Dankbarkeit gegenüber meiner Freundin. Es war leicht erkennbar, dass in den zehn Jahren Freundschaften gewachsen sind. Das Heim ist in der Ukraine inzwischen etabliert. Es wird von der Politik getragen und ist zur Modell-Institution des Landes geworden.

Beim Besuch beschlichen mich ungute Gefühle. Wen wundert es, dass ich mir ihr gegenüber plötzlich sehr klein vorkam. Sie hatte all ihre Energie und auch persönliche Mittel in ihr Projekt gesteckt. Ich auf der anderen Seite war meist mit mir beschäftigt, spendete da ein klein wenig und dort etwas. Mir war mulmig zumute, und mich plagten Gewissensbisse. Ich sprach meine Freundin darauf an. Sie wollte nichts von alldem hören: "Jeder tue halt an seinem Platz sein Möglichstes."

Klar, auch ich war in der Schulpflege, der Alterskommission, setzte mich für Tagesbetreuung im Dorf ein, war im Vorstand eines Behindertenheims usw.. Aber all das ist im Vergleich zum Erreichten meiner Freundin einfach nichtssagend. Und so ist zurückgekommen, was ich inzwischen bei mir nicht mehr kannte: Ich fühlte mich wie ein Würmlein. Es dauerte nicht lange, bis ich wieder zu mir fand und mein Mittelmass einmal mehr zu akzeptieren begann. Zu meiner Freundin sagte ich: "Du bist wunderbar, aber auch ein bisschen verrückt. Ich hätte nie den Mut gehabt, ein Heim im fremden Land aufzubauen." Wir lachten, und sie meinte: "Vielleicht bin ich wirklich verrückt, aber ich musste einfach etwas tun. Zudem haben viele andere Menschen tatkräftig mitgeholfen." Für mich ist sie eine Anne-Sophie Mutter im Sozialen. Einfach grossartig! Ich könnte von ihr lernen.

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©2018 Bernadette Kurmann