Es soll ja nicht in die Hosen gehen!

Was lese ich da, Kurse für Grosseltern boomen? Und die seien erst noch ausgebucht? Wollen die jetzt alle Grossmütterfachfrauen und Grossväterfachmänner werden? Warum ist dieses Bedürfnis so gross? Die drei- bis vierstündigen Kurse kosten übrigens 60.- bis 95.- Franken, je nachdem, wo der Kurs angeboten wird.

Gut, ich gebe ja zu, mein erster Beruf war Säuglings- und Kinderkrankenschwester. Aber auch ich kam in der Anfangszeit nicht vorwärts: wickeln, stillen, Windeln waschen, wickeln, stillen. Den Pyjama trug ich oft bis in den Nachmittag.
Oder eine spätere Begebenheit: Als Fachfrau zu erfahren, dass bei Bananen gewisse Pflanzenfasern nicht verdaut werden, war sehr peinlich.
Ich finde es eine schöne Änderung, dass die jungen Eltern im Wochenbett ihre kleinen Lieblinge selber pflegen und wickeln dürfen. Dadurch können die neusten Errungenschaften an die Grosseltern weitergegeben werden, falls diese es wünschen und annehmen wollen. Somit sind die Klassikerfragen, was zu tun sei bei schreienden Kindern, Bauch- oder Rückenlage oder welche Wickelmethode angezeigt ist, schnell geklärt.
Durch das Buschtelefon ist bei mir die neuste Entwicklung angekommen: Die Füsschen der Babys werden wegen möglichen Hüftproblemen beim Wickeln nicht mehr hochgehoben. Der Popo soll mittels Drehbewegungen auf die Pampers gerollt werden. Diese Nachricht entlockte mir ein Schmunzeln.

Der Schuh drückt wohl an einer anderen Stelle. Niemand möchte dreinreden und niemand möchte etwas Falsches sagen. Es soll ja nicht in die Hosen gehen.
Auch bei mir zwickt manchmal die Vorsicht. Wie meine Mutter möchte ich nicht reagieren und Rat-Schläge erteilen. Aber ich kann darüber reden und nachfragen, wie ich von den jungen Eltern wahrgenommen werde.
Mit meiner Lebenserfahrung weiss ich, dass bei Weiten nicht immer alles wieder neu erfunden wird.

Auch für mich decken sich die Vorstellungen von Jung und Alt nicht immer.
Aber kann man an einem halben Tag lernen, wie Angehörige miteinander reden sollen?
Ohne einander zuzuhören, geht es nicht. Etwas weniger Natel, etwas weniger Ohrenstöpsel, dafür etwas mehr Offenheit könnte ja förderlich sein.
....und, das wäre erst noch gratis.

2015 Eveline Walser

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