Berufswahl gestern und heute

Für meine Grossmutter gab es gar keine Berufswahl, denn sie war die Älteste von acht Kindern auf einem Bauernhof. Die Buben lernten alle ein Handwerk, ausser dem Jüngsten, der den Hof übernahm. Die Mädchen halfen im Haushalt, bis sie heirateten.

Für die vier Kindern meiner Grossmutter war es nicht anders: Die beiden Söhne lernten einen Beruf, die Töchter halfen im Haushalt und in der Landwirtschaft mit und heirateten.

Meine Mutter wäre gerne Kinderschwester geworden, das kam nicht in Frage. Sie durfte nicht einmal die Sekundarschule besuchen, weil diese etwas kostete. Nach den acht Schuljahren wurde sie ins Welschland geschickt. Für ein Jahr Arbeit erhielt sie als Lohn ein Konfirmationskleid und ein Paar Schuhe.

Da hatten wir es besser. Wir waren drei Mädchen und wir konnten alle einen Beruf lernen - vielleicht nicht gerade die erste Wahl. Ich hätte gerne studiert und wurde Lehrerin. Das Seminar galt damals nicht als Studium. „Du heiratest ja wahrscheinlich doch, da lohnt sich ein Studium nicht!“ meinte mein Vater. Erst mit 45 Jahren holte ich mein Studium nach. Meine Schwestern wurden Buchhalterin und Krankenschwester und standen bis zur Pensionierung im Beruf.

Auch mein Vater hätte gerne studiert. Als Verdingkind war er froh, dass er Schlosser werden konnte. Ich kenne auch andere Männer, die nicht ihren Wunschberuf lernen durften, weil sie den elterlichen Betrieb übernehmen mussten. Meistens sind es eher die Frauen meines Alters, welche von heimlichen, unerfüllten Berufswünschen erzählen.

Unsere Freundin Nesa aus dem Bergdorf, wo wir ein Ferienhaus haben, war eines von zehn Kindern. Der Vater schickte drei von ihren Brüdern zu seiner kinderlosen Schwester ins Tal, dort konnten sie einen Beruf lernen. Nesa wäre gerne Kindergärtnerin geworden, doch das lag jenseits aller Möglichkeiten. Sie putzte dann ihr Leben lang das Schulhaus, in dem sie gerne unterrichtet hätte.

Und heute: Ist Berufsfindung nur Wahl ohne Qual? Ich glaube nicht. Da gibt es viele Jugendliche die von den Eltern ins Gymnasium oder ins Studium geschickt werden, auch wenn sie lieber ein Handwerk lernen würden. Und es gibt Jugendliche, die finden keine Lehrstelle in ihrem Wunschberuf. Ich wünsche meinen beiden Enkeln, dass sie einen Beruf finden, der ihnen Freude macht und der sie befriedigt. Vielleicht werden sie ihn mehrmals wechseln und sich damit verändern.

Meine Tochter ist Sozialpädagogin. Nach 15 Jahren im Beruf sagte sie, sie werde im Herbst eine Auszeit nehmen und eine Weltreise machen. „Und wenn ich zurückkomme, mache ich vielleicht etwas ganz anderes, ich weiss ja noch nicht, wo ich dann stehe."

Ich freue mich darüber!

Hanna Hinnen

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