Ein neues Geschwisterchen

Unser Enkel war fast fünf Jahre alt, und wir meinten schon, er würde der einzige bleiben. Wir konnten uns voll auf ihn konzentrieren, Zeit, Liebe und Abenteuerlust mit ihm
teilen und ihn verwöhnen.

Da kam er eines Tages und sagte:“ Nana, weisst du eigentlich, dass wir noch ein Kind bekommen?“ „Ja“, sagte ich, „deine Mama hat es uns gesagt. Was möchtest du denn lieber, ein Schwesterchen oder ein Brüderchen?“ Es studierte eine Weile und meinte dann: „Also am liebsten hätte ich ein Kätzchen! Kleine Kinder sind immer so laut!“ Das war wohl seine Erfahrung aus der Krippe, wo in jeder Gruppe auch zwei bis drei Säuglinge zu hüten sind.

Dann kam das Kind zur Welt und es war ein Bub. Wir freuten uns sehr, aber in den ersten Monaten gab es nur wenig Kontakt mit dem neuen Enkel. Er wurde gestillt und war deshalb voll im Fokus der Mutter. Unser erster Enkel kam gerade in den Kindergarten, vielleicht schien er deshalb gar nicht eifersüchtig auf das Brüderchen. Er liebte es sehr und durfte es auch halten, verschmusen oder mit dem Wagen herumstossen. Ärgerlich war er höchstens auf seine Mutter, die einfach weniger Zeit hatte, um mit ihm zu spielen oder zu basteln. Der Vater gab sich in dieser Zeit viel mit ihm ab und lehrte ihn sogar, zu fischen. Drei selbstgefangene Fische zeigten ihm, dass er gross und stark war im Vergleich zum Brüderchen. Und wir Grosseltern unternahmen viel mit dem ersten Enkel,
damit sich die Mutter dem Kleineren widmen konnte.

Na ja, im Kindergarten und im Hort liess er seine Aggressionen schon manchmal los. Als wir ihn einmal abholten, um mit ihm einen Ausflug zu machen, hielt die Kindergärtnerin gerade Klassenrat. Da durften die Kinder sagen, was ihnen in der vergangenen Woche gefallen hatte und was nicht. Und drei Kinder beklagten sich über unseren Enkel: „Er hat mich geschubst!“ „Er hat meinen Bau kaputt gemacht!“ „Er hat mir ganz laut ins Ohr gerülpst!“ „Ja, aber nur in der Garderobe!“ war seine Erklärung für die letzte Missetat. Er musste sich entschuldigen und versprechen, das nicht mehr zu tun. Im Zoo
freute er sich über unsere ungeteilte Aufmerksamkeit und rülpste niemandem ins Ohr, nicht einmal den Geisslein, die dort man streicheln kann.

Nun wird der kleine Bruder bald ein Jahr alt. Der Grosse findet ihn immer interessanter. Als ich ihn letzthin fragte, ob er denn noch ein Geschwisterchen haben möchte, meinte er: „Ganz sicher nicht, eines ist genug! Jetzt wünsche ich mir höchstens noch einen Hund!“

© 2016 Hanna Hinnen

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