Enge Rahmen

Unser grosser Enkel kam im letzten Sommer in die erste Klasse. Er freute sich sehr auf die Schule, trug seinen neuen Thek mit Stolz und war gespannt aufs Lernen.

Jetzt ist ein halbes Jahr vorbei und als ich ihn letzthin fragte, was er denn in der Schule am liebsten habe, meinte er: „Die Pausen!“

Das erste Elterngespräch war auch nicht so, wie es sich seine Eltern vorgestellt hatten. Mit den Leistungen war die Lehrerin zwar zufrieden, aber mit dem Betragen nicht. Unser Enkel sei verhaltensauffällig, meinte sie und müsse abgeklärt werden.

Mag sein, dass ich als Grossmutter nicht ganz objektiv bin. Mein Enkel ist ein lebhaftes Kind und sitzt nicht gerne still – es sei denn, ich erzähle ihm eine Geschichte oder wir spielen Lego. Auch das Ausmalen von Bildchen oder das Schreiben von Zahlen genau in die Häuschen liegt ihm nicht. Er kennt aber alle Bäume im Wald und alle Fische im Zürichsee. Er kann einen Nagel gerade einschlagen und mit einem Beil Holz spalten. Am liebsten ist er draussen mit dem Velo oder mit dem Trotti unterwegs. Genau wie sein Vater damals – unser Sohn. Der war so wild, dass er im Kindesalter siebenmal etwas gebrochen hat, zum Beispiel den rechten Arm beim Lianenschwingen im Wald und den Finger beim Abseilen im Steinbruch.

In der Schule sass er auch nicht gerne still und hatte die Pausen und die Ferien am liebsten. Die Lehrerin akzeptierte ihn so, wie er war und liess ihn nicht abklären. Wenn er herumzappelte, durfte er einmal ums Schulhaus rennen. Sie hatte einen grossen Rahmen, in den alle Kinder hineinpassten.

So war auch die Kindergärtnerin unseres Enkels. Sie meinte: „Ganz pflegeleicht ist er nicht! Aber es muss ja auch Kinder geben, die etwas Leben in die Bude bringen!“

Ich war lange Jahre Schulpräsidentin und weiss, wie viele Kinder heute abgeklärt werden und dann den Vorschlag für eine Therapie erhalten. Ich vermute, wenn man 100 gesunde Kinder zur Abklärung schickt, erhalten mindestens 99 einen Therapievorschlag.

Unser Enkel ist nun auch in diese Abklärungs- und Therapie - Maschinerie geraten. Schade, dass die heutigen Rahmen so eng geworden sind! Ich werde ihm jedenfalls zeigen, dass er für mich genau richtig ist, so wie er ist und ihm viel Verständnis und Liebe geben! Und einen grossen Rahmen nur mit den Regeln, die wirklich wichtig sind!

© 2017, Hanna Hinnen



> Text als PDF (165 KB)