Kranke Kinder

Ich wurde kurz nach dem zweiten Weltkrieg geboren und hatte schon mit sechs Monaten eine Lungenentzündung. Ich kam ins Kinderspital und musste sechs Wochen dort bleiben. Sicher besuchte mich meine Mutter manchmal. Aber das ging nur, wenn die Grossmutter kam und die beiden älteren Schwesterchen hütete. Als ich wieder nach Hause kam, zog meine Mutter eine weisse Berufsschürze an, damit ich nicht fremdete, so erzählte sie mir. Anscheinend bin ich aber ohne grössere Schäden davongekommen.

Kranke Kinder sind in allen Familien ein Stressfaktor, besonders aber, wenn beide Eltern berufstätig sind. Bei uns war dies der Fall: Als beide Kinder in der Schule waren stieg ich als Lehrerin wieder ein. Unser Sohn war eigentlich nie krank, oder dann so, dass er ins Spital musste: Blinddarm, Hüftentzündung und Beinbrüche. Wenn möglich besuchte ich ihn jeden Tag. Wieder zu Hause brachte ihn mein Mann morgens mit Gipsbein zur Schule, mittags holte ich ihn und brachte ihn auch wieder hin. Hort oder Tagesschule gab es damals noch nicht. Die Tochter war manchmal zu Hause krank. Dann kam meist die Grossmutter, manchmal musste das Mädchen aber auch ganz allein zu Hause im Bett bleiben. Ich stellte ihr Tee und Zwieback bereit und legte ihr eine Kasperlikassette ein. In der Zehnuhrpause rannte ich nach Hause, strich ihr über die fiebrige Stirn, legte eine neue Kassette ein und musste wieder los in die Schule. Für Notfälle war die Nachbarin alarmiert aber ein schlechtes Gewissen hatte ich allemal.

Nun war unser kleiner Enkel krank und konnte nicht in die Krippe. Natürlich hätte meine Schwiegertochter am liebsten gehabt, wenn ich zu ihr gefahren wäre und ihn dort zu Hause gehütet hätte. Aber ich hatte zwei Termine: morgens war ich als Seniorin im Unterricht tätig und nachmittags hatte ich Klavierstunde. Aber mein Mann war bereit, den Enkel in den zwei Stunden zu übernehmen. Also wurde das Kind schon am Vorabend zu uns gebracht. Es winkte den Eltern und dem Bruder fröhlich Ade. Die Nacht war streng. Der Kleine weinte alle 2-3 Stunden und ich fuhr ihn im Wagen in der Wohnung herum, bis er wieder einschlief. Am Morgen war er fitter als ich, krabbelte herum, lachte und war zufrieden. Unser Programm konnten wir problemlos durchziehen, weil wir ja zwei Grosseltern waren. Als wir ihn den Eltern zurückbrachten, meinten diese, so eine ruhige Nacht hätten sie schon lange nicht mehr gehabt.

Man sieht: Kranke Kinder waren früher und sind auch heute ein Stressfaktor, nur gut, gibt es Grosseltern!
© 2016, Hanna Hinnen

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