Schultheks und Erinnerungen

Letzthin war im Nachbardorf „Thektag“. Das heisst, dass in der Turnhalle Unmengen von Schultheks für Mädchen und Buben ausgestellt wurden. Kinder, die im nächsten Sommer in die Schule kommen, besuchten mit Eltern Gotten oder Grosseltern die Turnhalle und konnten sich aus Hunderten von Modellen einen Thek aussuchen. Unser Enkel suchte einen Thek aus mit Autos drauf, ergonomisch zum Verstellen, mit Etui und Turnsack. Wir schenkten ihm den Thek zum Geburtstag, ein grosses Geschenk!

In mir tauchten die Erinnerungen an meinen ersten Thek auf. Mädchen trugen damals Ledertheks, bei den Buben war die Rückseite mit Originalkuhfell überzogen, damals schon etwas recht Kostspieliges. Als ich in den 50er-Jahren in die Schule kam, hätte ich zu Weihnachten von meinem Götti einen Thek erhalten sollen. Der Götti schenkte mir – wohl aus Geldmangel – eine hölzerne Federschachtel mit eingekerbtem Edelweiss drauf.

Ich war ein Arbeiterkind und damals hatten meine Eltern einfach das Geld nicht, um mir einen Thek zu kaufen. Mein Vater fragte seine Arbeitskollegen, ob vielleicht jemand einen Schulthek übrig hätte. Damals erhielt man für die Oberstufe oft eine Mappe, die man unergonomisch an der Hand trug. Und tatsächlich brachte einer der Kollegen meinem Vater einen Thek mit, den sein Sohn nicht mehr brauchte. Natürlich war es ein Bubenthek – einer mit sehr abgewetztem Fell.

Ich freute mich sehr über meinen Thek, packte die Federschachtel hinein, welche verheissungsvoll an meinem Rücken klapperte. Am ersten Schultag marschierte ich damit an der Hand meiner Mutter zur Schule. Plötzlich rief ein Kind hinter mir: „Schau mal, die hat ja einen Bubenthek!“ Meine Mutter umschloss meine Hand fester und schritt schneller aus. Und erst jetzt merkte ich, dass mit meinem Thek etwas nicht stimmte. Ich hätte jetzt ein Trauma haben können oder mir die Schule verleiden lassen, aber ich dachte: „Jetzt werde ich einfach so gut in der Schule, dass ich keine Aufgaben habe und den Thek immer in der Schule lassen kann!“ Ich konnte schon lesen und schreiben, weil meine älteren Schwestern mit mir „Schülerlis“ gespielt hatten. Weil das damals in einer Klasse mit 48 Kindern eine Seltenheit war, durfte ich oft „Lehrerin“ sein und mit den andern Kindern im Korridor Leseblättchen üben. Wohl auch deshalb wurde ich wegen meines Theks nie gehänselt. In der dritten Klasse erhielt ich dann den Thek meiner Schwester zum Austragen. Sie kam in die Sek und zu einer Schulmappe.

Als ich die Geschichte unserem Enkel erzählte meinte er: „Warum habt ihr nicht bei Ricardo einen gebrauchten Thek gesucht?“
© 2016, Hanna Hinnen

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