Unterschiede

Ich habe nur zwei Enkel, zwei Buben von 9 und 4 Jahren. Selber habe ich einen Sohn und eine Tochter, die waren nur drei Jahre auseinander und sehr unterschiedlich. Die Tochter ein anhängliches Mamimeiteli und der Sohn einer, der Freiheit brauchte und ständig ausriss. Ich dachte, das sei der Geschlechtsunterschied, aber nun, da ich zwei so unterschiedliche Enkel habe, muss es etwas anderes sein. Vielleicht die Gene, nicht die Erziehung? Oder einfach der Charakter, der sich trotz ähnlicher Erziehung ganz anders äussern kann?

Der ältere Enkel war schon immer ein wunderbarer Esser. Er hat alles gern und macht dem kochenden Neni ständig Komplimente: „Mm, das hast du aber fein gekocht, darf ich noch mehr davon haben?“ Der Kleine ist ein heikles Bürschchen. Eigentlich hat er nur Teigwaren richtig gern, und zwar ohne Sauce und ohne Käse. Wenn es ein bisschen Sauce dran hat, schiebt er sie weg: „Ich esse doch keine dreckigen Teigwaren!“ Der Grosse wollte schon mit 2 Jahren alles mitessen, der Kleine bekommt am Abend immer noch einen Schoppen. Der Grosse will zum Zvieri ein Minipic-Würstchen, der Kleine Schokolade oder Marzipan.

Der Grosse ist ein toller Grobmotoriker. Er kann schon Holz spalten, im Ferienhaus den Kachelofen einfeuern und ein grosses Loch im Garten graben. Wenn der Neni einen Rakubrand macht, hilft er mit feuerfesten Handschuhen und einer Zange mit, die über 1000° heissen Keramikgegenstände aus dem Ofen zu nehmen und sie ins Sägemehl zu stecken. Der Kleine rennt weit weg, wenn es raucht.

Der Grosse fuhr schon mit drei Jahren Ski. Letzten Winter war er zuerst in der Skischule und dann noch in der Snowboardschule und gewann bei beiden Schlussrennen eine Medaille. Am liebsten ist er draussen, im Winter baut er Schneehütten und schaufelt die Terrasse frei. Der Kleine sitzt in dieser Zeit in der Stube und hört sich Geschichten am Recorder an. Als er letzten Winter zum ersten Mal Skier trug, machte er ein paar Schritte, fiel um und meinte: „Das probieren wir lieber nächsten Winter noch einmal. Ich glaube, ich bin jetzt noch zu klein!“ Aber er ist feinmotorisch begabt. Er steckt feine Bauteile zusammen räumt die Puppenstube gekonnt ein.

Zum Glück habe ich als Grossmutter nicht den Druck, etwas verändern zu müssen. Manchmal frage ich mich schon, wann denn der Kleine endlich trocken wird. Da kann er doch schon sprechen, wie ein Grosser, aber zur rechten Zeit melden, dass er auf die Toilette muss, das kann er noch nicht. Auch den Nuggi braucht er noch immer, vor allem, wenn er Heimweh hat oder wenn ihm etwas weh tut. Und ich kann da einfach zusehen und akzeptieren, wie die beiden eben sind. Meine Kinder wollte ich erziehen und verbessern, bei den Enkeln bin ich viel gelassener. Und ich geniesse sie mit allen ihren Ausprägungen und Eigenheiten.

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© 2018 Hanna Hinnen