Frau sein – (k)eine Frage der Hormone?

Ich liebe Frankreich. Erst kürzlich war ich mit einer Freundin ein paar Tage da. Wir verbummel­ten die Zeit in Besançon. Das Leben scheint hier, gleich dem Doubs, gemächlich vor sich hin zu fliessen. Und einmal mehr erlebten wir mit Vergnügen, wie auch der "Femme d'un certain âge", Beachtung von Frankreichs Männer­welt entgegenfliesst.

Selbst junge Männer begegnen hier der Frau im reifen Alter – in unserem Falle 70 plus – charmant und wie mir scheint, auf Augenhöhe.

Das bringt mich nun ins Grübeln ... Wie kommt das denn? Habe ich nicht oft gehört, wir Frauen würden ab der Menopause nach und nach vom Radarschirm verschwinden? Dass frau dann aufhört, für die Welt als Frau zu existieren?

Naheliegend wäre jetzt zu sagen, den Franzosen sei Charme angeboren. Ich bin mir da nicht sicher. Die Französin – ich verallgemeinere jetzt natürlich stark – setzt (im Vergleich zu uns) vielleicht die Prioritäten anders. Sie tut sich selbst zuliebe alles, um sich wohlzufühlen in der eigenen Haut und ist sich ihrer Anzie­hungs­kraft bewusst. Weiblichkeit wird hier anders definiert und selbst­ver­ständlicher gelebt.

Wir Frauen hierzulande steigen täglich auf die Waage und sind verzweifelt, wenn wir nicht einer absurden, fremdbestimmten Norm entsprechen. Selbst mit geschlossenen Augen finden wir im Spiegel das, wonach wir suchen – Makel.

Ist unser Selbstwertgefühl dann ruiniert, wurmt es uns, wenn er ausbleibt, der bestätigende Blick von aussen, den unser Ego jetzt so dringend bräuchte ...

Und ach, der „Abbau“ beginnt ja mit den ersten Falten. Jetzt liegt unser Heil bei der Schön­heits­industrie. Ein bisschen mehr gefällig? Für Leserinnen mit starken Nerven bringt es Regula Stämpfli in ihrem Buch „Die Vermessung der Frau“ * auf den Punkt.

Was macht denn Schönsein, Frausein wirklich aus? Ist es nichts weiter als eine Frage unseres hormonellen Gleichgewichtes vor den Wechseljahren? Eine Frage glatter Haut und idealer Masse? Wollen wir die Antwort tatsächlich dele­gieren?

Wir können die reifen Jahre als eine Chance zur Befreiung sehen. Denn wenn wir es wagen, zu uns selbst, zu unserer Unvollkommenheit zu stehen, gewinnen wir Spielraum für so vieles, was im Leben wirklich zählt.

Was uns an Menschen anzieht kommt von innen und ist Einklang mit sich selbst. Vielleicht das Geheimnis manch alter Frau, die mit ihrer Ausstrahlung und ihrer Herzens­wärme die Welt verzaubert?

Sicher ist: Frausein ist viel mehr als eine Frage der Hormone.
Lyn Fey

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* Die Vermessung der Frau, Regula Stämpfli, Gütersloher Verlagshaus 2013