So nicht, meine Damen!

Auf dem Mäuerchen neben dem Fahrplanaushang sitzt ein Jugendlicher, glücklich versunken in die schöne Spätnachmittag-Stimmung über dem See. Zwei ältere Damen studieren den Schiffsfahrplan und offenbar findet, gerade als ich mich nähere, ein unfreundlicher Wortwechsel mit dem Jungen statt. Ich schnappe nur noch Fetzen auf: «Ab ins Altersheim!» Darauf die eine Frau: «Sind Sie endlich still!»

Als ich mich dem Fahrplan nähere, weiss ich, worum es ging. Auch ich stosse mit dem Fuss gegen das Kickboard. Es liegt quer im Weg, und das war wohl der Stein des Anstosses.

Dem Jugendlichen ist die gute Stimmung jetzt verdorben. «Haben sie Sie geärgert?» frage ich ihn. «Ja» kommt die Antwort, und er fügt traurig hinzu: «Sie hätten mich doch einfach fragen können, ob ich mein Kickboard wegnehmen kann. Aber die Alten haben heutzutage keinen Anstand mehr.»

Dass es um die Aufmerksamkeit der alten Damen auch nicht zum Besten steht, stellt sich wenig später heraus. Als das Schiff anlegt, stellen sie sich mitten vor den Rollsteg, um einzusteigen, ohne die vielen Leute zu beachten, die aussteigen wollen. Das Personal muss die Frauen ausdrücklich bitten, den Platz freizugeben.

Die Geschichte beschäftigt mich noch lange. Der Junge hat etwas so Wichtiges gesagt: einfach das Bedürfnis aussprechen statt zu kritisieren. Das ist einer der ganz zentralen Punkte der gewaltfreien Kommunikation. Der international bekannte Konfliktmediator und Psychologe, Marshall B. Rosenberg, legt in seinen Büchern eindrücklich dar, wie sehr uns Kritisieren, Analysieren und Urteilen daran hindern, eine einfühlsame Verbindung zu uns selbst und zu andern aufzunehmen. Es geht um Mitgefühl, dieses wertvolle und zutiefst menschliche Potenzial. Wenn es uns gelingt, unserem Gegenüber zu vermitteln, was unsere Bedürfnisse sind, ist die Chance grösser, dass diese Person bereit ist, auf unsere Wünsche einzugehen.

Mir hat sich das Bild der beiden Damen eingeprägt, wie sie vor dem Rollsteg stehen, sehr aufrecht, lächelnd, selbstgewiss.

Ich wusste schon immer, dass Alter mit Haltung zu tun hat. Doch so nicht, meine Damen!
Lyn Fey

Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation – Eine Sprache des Lebens
(Das Standardwerk ist als Buch oder Hörbuch erhältlich)