Städteplaner

Da steht er, der eine fünfjährige Zwilling, mein Enkelsohn, die Packpapierrolle unter seinen Arm geklemmt, das Klebeband in der einen Hand und die Filzstifte in der anderen. Er schaut mich an und sagt: «Grosi, ich möchte mit dir Stadt spielen!» Sein Bruder verbringt den Nachmittag beim Nachbarsjungen.

Wir beide wissen genau, was mit «Stadt spielen» gemeint ist. Ich breite das Plastiktischtuch über den grossen Esstisch, entrolle das Packpapier, und gemeinsam kleben wir es am Tischtuch fest. Manchmal muss ich seine kleinen Finger von unbrauchbarem Klebeband befreien. Inzwischen gelangt das Klebeband ohne grössere Verluste an den Zielort. Als nächstes holt er die Schachtel mit den kleinen Matchbox-Autos.

Ich beginne vom Packpapierrand weg eine breite Strasse über den Tisch zu zeichnen mit diversen Abzweigungen, Rondells und Kurven. Nicht zu vergessen ist genügend Platz für den angedeuteten Mittelstreifen auf der Strasse.

Dann kommt meine spannende Frage: «Was braucht es denn für Gebäude in einer Stadt!» Naja, inzwischen weiss ich, dass bei ihm der Polizeiposten, ein Gefängnis, das Spital und das Feuerwehrdepot einen festen Platz haben müssen. Das, was danach gezeichnet wird, hängt von den Erlebnissen der Enkelkinder ab. Unlängst musste ich ein Zirkuszelt mit Parkplätzen zeichnen. Auch einen Bahnhof, weil er bei den Matchbox-Autos ein Taxi und einen Bus gefunden hat. Auch das Einkaufszentrum (ich mache hier keine Werbung!) muss entsprechend beschriftet werden.

Inzwischen ist auch der andere Enkelsohn mit seinem Freund heimgekommen, und es ist Zeit für ein Zvieri. Gut, dass es auf unserem Stadtplan einen eingezeichneten Bahnhof gibt! «Eine grosse Ladung Früchte ist gerade am Bahnhof angekommen, alle Lastwagen sollen diese Früchte abholen», sage ich. Schnell holen die beiden neuen Mitspieler einen Transporter aus der Kiste und düsen los. Sich beim Spiel an die Regeln des Rechtsverkehrs zu halten, klappt noch gar nicht. Vor allem nicht, wenn der Lastwagen mit dem Zvieri-Apfelschnitz ins Parkhaus des Krankenhauses, oder des Einkaufszentrums fahren muss. Dort wartet dann ein hungriger Junge auf das Apfelstückli, da werden sämtliche Signale und Stoppstrassen überfahren. Gut, dass es keine Fussgänger gibt.

Inzwischen können meine Enkelsöhne eine Grossstadt aus Packpapier entrollen. Es macht total Spass zu sehen, wie sich ihr Städtebild verändert. Das Spiel ist absolut ausbaubar, und der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Deshalb liebe ich es – und nicht nur ich!

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© 2016 Margot Bryner