Hand in Hand

Regelmässig begegne ich ihnen im Dorf. Liebevoll hält die Frau die Hand ihres Mannes. Auf den ersten Blick beneidenswert. Ein Paar, das den Ruhestand gemeinsam geniesst. Beide grüssen freundlich. Doch beteiligt sich nur die Frau am lockeren Gespräch.

Es gehe ihnen gut, versichert sie immer wieder.

Beide waren früher in Beruf, Familie und Gesellschaft stark engagiert. Persönlichkeiten, die auch in der Öffentlichkeit ein Gewicht hatten. Sie freuten sich auf das Pensionsalter und planten, das bisher zu kurz Gekommene nachzuholen: zu reisen, Sprachen aufzufrischen, Garten und Freundschaften zu pflegen.

Schon bald waren beim Mann erste Zeichen von Demenz unverkennbar. Der Zustand verschlimmerte sich rasant. Die Frau übernahm immer mehr Aufgaben ihres Partners. Dieser brauchte mehr und mehr Betreuung. Von sich aus war er kaum mehr aktiv.

Meine Bekannte möchte ihren Mann möglichst lange selber betreuen. Nach anfänglichen Aggressionen ist dieser meistens ruhig und zufrieden. Die Besuche der erwachsenen Kinder, Spaziergänge und die wöchentlichen Jassnachmittage mit alten Freunden bringen Abwechslung.

Auf Drängen der Familie lässt sich die Frau von einer Fachorganisation beraten. Ihre Grenzen spürend, erholt sie sich auf Reisen, während der Mann in einem Ferienbett des Pflegeheims gut aufgehoben ist. Dort weilt er auch tageweise zur Entlastung seiner Frau.

Diese verdrängt die Gedanken an ihre Zukunft nicht länger. Sie lebt wieder auf, geht ihren Interessen nach und pflegt Kontakte.

Beim Abholen sieht sie eines Tages ihren Mann im geschützten Garten des Pflegeheims Hand in Hand mit einer fremden Frau spazieren. Er sieht glücklich und zufrieden aus. Ihr drückt es fast das Herz ab. Mit dem Verstand kann sie die Situation einordnen. Doch ihre Gefühle rebellieren.

In der Angehörigengruppe kann sie sich aussprechen. Sie fühlt sich verstanden und lernt, besser mit der Demenzkrankheit und ihren Auswirkungen umzugehen.

Nach und nach kann meine Bekannte ihre freien Tage ohne schlechtes Gewissen geniessen. Sie freut sich, wenn es ihrem Mann gut geht. Zum Beispiel auf gemeinsamen Spaziergängen: Hand in Hand.
Monika Fischer

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