Im Alter nur noch eine Last?

Seit vielen Jahren stehen wir uns nahe. Die Besuche bei ihr im Pflegeheim sind für mich Oasen der Ruhe im Alltag.

Wie gewohnt sitzt die 93jährige im Sessel. Die Wangen im immer noch jugendlich wirkenden Gesicht sind gerötet. Lebhaft beteiligt sie sich am Gespräch mit mir und ihrem Enkel, während die Urenkelinnen am Boden herumtollen. Wenn sie akustisch etwas nicht versteht, deutet sie auf ihr Ohr und bittet um Wiederholung. Sie ist auf dem Laufenden über das Geschehen in der Familie, in der Gemeinde, in der Welt. Wie seit eh und je vertritt sie klar ihre Meinung.

Alt und jung besucht sie gerne. Sie interessiert sich für alles und ist eine aufmerksame Zuhörerin. Bilder auf dem iPad lassen sie an Familien- und anderen Festen teilhaben. Denn körperlich ist sie gebrechlich geworden. Sie kann nicht mehr selber aufstehen und ist bei vielem auf fremde Hilfe angewiesen. Ihre Finger sind von Arthrose gekrümmt und vermögen kaum noch den Löffel, das Telefon oder ein Glas zu halten. Sie bedauert, nicht mehr selber schreiben zu können. Auch das Hör- und Sehvermögen nehmen von Woche zu Woche ab.

«S’esch scho öppis met em Alter», bemerkt sie hie und da. Doch jammert sie selten und ist dankbar für das, was sie noch hat und kann. Kraft schöpft sie aus dem Glauben.

Sie erzählt von Begebenheiten, die sie in ihrer Autonomie verletzt haben. «Das Wohl der Bewohnerinnen und Bewohner und ihre Mitbestimmung stehen für uns im Zentrum.» So heisst es in den Leitsätzen der Institution, in der sie seit zehn Jahren zuhause ist. Deshalb äusserte sie offen ihre Kritik am Menüplan und fühlte sich - aus ihrer Sicht - von den Verantwortlichen geschnitten. Sparmassnahmen führten zu gekürzten Essenszeiten. Mit ihrer verkrüppelten Hand ist sie langsam geworden. Die Zeit reicht beim Essen nicht mehr für ein zweites Schöpfen. Die zuständige Pflegeperson meinte, sie solle ihre Beschwerde bei der Gemeinde deponieren. «Was kann ich da noch sagen. So ist es halt heute. Alle sind unter Druck, auch die Pflegefachfrauen. Ich spüre dies täglich.» In ihren Worten schwingt leise Resignation mit. Deshalb bittet sie ihre Tochter manchmal um kleine pflegerische Leistungen.

Ans Sterben denkt sie gelassen und ohne Angst. Trotz Schmerzen und Einschränkungen ist ihr Lebenswille ungebrochen. Sie lebe immer noch gerne, meint sie fast verschämt. Dies dürfe man heute, wo die Alten als Last für die Gesellschaft bezeichnet werden, nicht mehr laut sagen. Schnell fasst sie sich wieder und hält selbstbewusst fest: «Dabei haben wir Frauen unserer Generation jahrzehntelang freiwillig sehr viel für Familie und Gesellschaft geleistet.»

Sie erzählt von anderen Heimbewohnerinnen, die unglücklich sind und mit ihrem Leben hadern. Sie hört ihnen zu und zeigt ihnen auf, was sie im Leben auch ohne Berufsausbildung erreicht haben. Es freut sie, wenn sie auf diese Weise zur Versöhnung beitragen kann.

«So hat mein Leben auch jetzt einen Sinn», lacht sie zufrieden.
Monika Fischer

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