Jedes Mal ein Wunder

Sie wollten uns nichts sagen. Und doch erfuhren wir es durch Zufall. Der Sohn und die Schwiegertochter warteten ausgerechnet an Weihnachten im Spital auf die Geburt ihres ersten Kindes.
Wir hörten, etwas stimme nicht, es gehe nicht recht vorwärts. Wird alles gut gehen? Das Kind gesund sein?

Neben diesen Sorgen tauchten in mir blitzartig die Erinnerungen an die Geburt des werdenden Vaters auf. Der Arzt hob das Kind auf, zeigte auf seine Lippenspalte und meinte, es sei die kleinste Missbildung, sie könne später gut operiert werden. Für mich war der Anblick des durch den Schnitt entstellten Gesichtchens nicht neu: Genau so hatte ich das Kind zu Beginn der Schwangerschaft im Traum gesehen. Und doch quälten mich Fragen: War ich Schuld daran? Hatte ich etwas Falsches gegessen oder getrunken? Oder war es ein genetischer Defekt, vielleicht gar vererbbar? Der Gynäkologe beruhigte mich mit dem Hinweis, es sei eine Laune der Natur.

Wenig später stellte sich heraus: Der Kleine litt zusätzlich an einer seltenen Unverträglichkeit zwischen seinem und meinem Blut. Er müsse sofort für eine Bluttransfusion mit der Ambulanz ins Kinderspital überführt werden. Als ich den Arzt weinend fragte, ob das wirklich nötig sei, meinte er wenig einfühlsam: «Wollen sie lieber, dass ihr Kind einen Dachschaden hat?» Ich drückte das schreiende Kind fest an mich und wusste: Ich liebe diesen kleinen Menschen und werde ihn immer lieben - so, wie er ist.

Die Erfahrungen der Geburt und der ersten Lebensmonate mit dem jüngsten Sohn machten mir bewusst: Nichts ist selbstverständlich. Sie haben mich dafür sensibilisiert, was es heissen muss, ein behindertes Kind zu haben. Beim Blick in den Kinderwagen fuhren die Leute jeweils erschreckt zurück und fragten: «Jesses Gott, was hat das Kind?» Ich konnte sie beruhigen mit dem Hinweis auf die korrigierende Operation. Wie aber müssen sich jene Eltern und Grosseltern fühlen, die keine solche Perspektive haben?

Während dem bangen Warten auf eine Nachricht meines Sohnes aus dem Spital dachte ich daran, dass auch heute eine Geburt trotz der hoch technisierten Medizin ein Risiko ist. Dass Behinderungen auch mit der pränatalen Diagnostik nicht ausgeschaltet werden können.

Verstohlen schaute ich während der Mitternachtsmesse immer wieder auf mein Handy. Endlich war sie da, die erlösende Nachricht:
«Mami, ich gratuliere dir zum achten Enkelkind. Sophia ist geboren.»
Am Weihnachtstag durfte ich die gesunde Enkelin zum ersten Mal in meine Arme schliessen.
Dankbar für das Wunder der Geburt, jedes Mal einzigartig und neu.
2015 Monika Fischer

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