Lohnt es sich (noch) für mich?

«Warum hast du eigentlich kein GA»? Dies fragte mich gegen Jahresende ein guter Freund. Für mich war die Antwort klar. Es lohnt sich nicht für mich. Ich bin zu viel mit dem Auto unterwegs.

Die Frage liess mich nicht mehr los. Ja, warum eigentlich nicht? Ich könnte mir das GA leisten und habe mehr Zeit zum Unterwegssein. Zudem bin ich seit dem Umzug in die Stadt viel weniger aufs Auto angewiesen.

So kaufte ich mir zum neuen Jahr spontan ein GA. «Super», meinten die erwachsenen Kinder auf meine Ankündigung. «Lohnt sich denn das für Dich?», fragte mein Mann überrascht. Diese Frage beschäftigte mich erneut. Habe ich mein Leben bisher zu sehr auf das ausgerichtet, was sich lohnt und was nützt? Hat es mit meiner Prägung zu tun? Bin ich doch gegen Ende des Zweiten Weltkriegs geboren. Oder hat es gar mit meinem im tiefsten Innern sitzenden Gefühl eines Minderwerts als Frau, als Hausfrau zu tun?

Ich erinnere mich an meine Kindheit. Unsere Mutter gönnte sich wenig. Ihre Wünsche erfüllte sie sich mit dem zusammengesparten Geld aus dem Erlös der Rabattmarken, während der Vater regelmässig allein ein paar Tage zur Erholung wegfuhr.

Mit rund 50 Jahren bereitete ich mich auf meine erste berufliche Projektreise nach Afrika vor. Lohnt sich für mich die Anschaffung eines neuen Koffers noch, fragte ich mich?

Inzwischen hat mich dieser kleine Koffer durch die halbe Welt begleitet. Ich habe ihn durch den Wüstensand in Burkina Faso gezogen, in Indien und in der Ukraine die Treppen hinaufgeschleppt. Zwar tut er seinen Dienst noch, doch gibt es inzwischen leichtere und bequemere Koffer. Und wieder stehe ich vor der Frage: Lohnt sich die Anschaffung (noch) für mich?

Der Kauf des GA hat in kurzer Zeit vieles verändert. Spontan unternehme ich mehr Ausflüge, besteige da und dort einen Bus und fahre kurz entschlossen für eine Wanderung in den Süden, wenn bei uns die Hochnebeldecke drückt. Ich schätze es, kein Billett mehr lösen zu müssen und habe die Vorteile und das breite Angebot des ÖV entdeckt. Vor allem möchte ich nicht mehr dauernd rechnen, ob sich etwa für mich (noch) lohnt. Indem ich mir selber etwas gönne, gebe ich mir auch einen entsprechenden Wert. So hat sich für mich die Anschaffung des GA schon in kurzer Zeit mehr als gelohnt, und ich geniesse mein neues Lebensgefühl in vollen Zügen – vielleicht bald auch mit einem neuen, bequemeren Koffer.

© 2016 Monika Fischer

Kolumne als >PDF (219 KB)