Warum wohnst du nicht beim Grosspapi?

Es war vor ein paar Jahren, als mir die älteste Enkelin diese Frage stellte. Einen Moment lang fühlte ich mich ertappt und beschämt. Blitzartig war alles wieder da: die zerplatzten Lebensträume, die Enttäuschungen, die Schuldgefühle! Nur allzu gerne hätte ich meinen Kindern und Enkelkindern ein «intaktes» Familienleben präsentiert, ein Leben, wie ich es mir früher vorgestellt hatte! Ich merkte: In der Vorstellung meiner Enkelin gehören Grossmutter und Grossvater zusammen wie das Mami und der Papi. Meine Lebenssituation entsprach nicht diesem Bild. Das schmerzte. Wie nur konnte ich dem kleinen Mädchen die Situation erklären? Was ich damals genau gesagt habe, weiss ich nicht mehr. Nur, dass die Vierjährige mit wenigen Sätzen zufrieden war.

Kürzlich stellte eine andere Enkelin eine ähnliche Frage: «Hast du den Grosspapi nicht gern, dass du nicht bei ihm wohnst?» Dieses Mal traf sie mich nicht mehr wie ein Schlag. Überrascht war ich jedoch über die Formulierung. Zusammen wohnen hatte für dieses Kind mit Liebe zu tun. Die Antwort war einfach. Ich erklärte, dass ich den Grosspapi wohl einmal sehr gerne gehabt hätte. Doch sei er sehr wenig zu Hause gewesen. Wir hätten immer weniger Zeit füreinander gehabt. Das sei nicht gut für die Liebe. So hätten wir uns getrennt, seien jedoch Grossmami und Grosspapi geblieben und hätten beide unsere Enkelkinder ganz fest gern.

Ich merkte, wie einfach es sein kann, den Kindern komplexe Situationen des Lebens ehrlich und altersgerecht zu erklären, wenn sie für uns stimmen. Bei diesem zweiten Erlebnis fühlte ich mich nicht mehr beschämt über meinen gebrochenen Lebensweg, im Gegenteil. Ich hatte mich inzwischen damit versöhnt und die ganz

andere Vorbildwirkung für die Enkelkinder erkannt. Diese erfahren ganz praktisch: Das Leben verläuft nicht immer gradlinig. Es kann auch über Brüche und Umwege gut herauskommen. Die Kinder lernen zudem andere Familienbilder, andere Vorstellungen von Partnerschaft und Liebe kennen.

Manchmal stellt sich die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für eine offene Aufklärung. So intervenierte ich nicht, als die Dreijährige ihre Schwester, deren Spielgruppenfreund einen Kollegen lieber hatte als sie, mit den Worten tröstete: «Zwei Buben können doch sowieso nicht heiraten!» Ihre Vorstellung wird sich automatisch ändern, wenn sie dem Verwandten mit seinem Partner begegnet. Für eine andere Enkelin wird sich diese Frage gar nie stellen, wird sie doch von einem Frauenpaar als Tagesmütter liebevoll betreut.
© 2017 Monika Fischer

> Text als PDF (161 KB)