Weit weg und doch ganz nah

Selten habe ich so oft an meine Mutter gedacht wie in den letzten Monaten. Daran, was sie wohl als Grossmutter gefühlt hatte, als ihre Enkelkinder ein Jahr in den USA weilten. Ich erinnere mich, wie sie sich Sorgen machte und sehnlichst auf Briefe, Fotos, Karten und hie und da auf einen Telefonanruf wartete. Zu jener Zeit, da es noch kein Handy gab, tätigte ich diese jeweils aus einer Telefonkabine, meistens als Collect Call. Über einen Operator wurde meine Mutter angefragt, ob sie die Telefonkosten übernehmen würde. Nach ihrem Okay wurde die Verbindung hergestellt. Da diese Ferngespräche recht teuer waren, blieb es meistens bei einem kurzen Austausch.

Nun war ich in derselben Situation wie meine Mutter vor 35 Jahren. Der älteste Sohn war mit seiner Familie für ein Austauschjahr nach Canada verreist. Im Voraus machte ich mir ähnliche Sorgen wie früher meine Mutter. Ich konnte mir nicht vorstellen, die drei Enkelinnen, die ich seit ihrer Geburt regelmässig gehütet hatte, so lange nicht zu sehen. Weitere Fragen beschäftigten mich: Wird alles gut gehen? Werden wir einander überhaupt je wieder sehen? Soll ich die Familie besuchen? Neben allen diesen Fragen überwog meine Freude, dass die Familie die Chance gepackt, die damit verbundenen aufwendigen Vorarbeiten auf sich genommen und den Sprung in die Fremde gewagt hatte. Eine Chance, die einzigartige Lebenserfahrungen und Erlebnisse ermöglicht!

In den letzten Monaten wurde mir bewusst, wie viel sich in dreieinhalb Jahrzehnten verändert hatte. Im Gegensatz zu meiner Mutter musste ich nach der Abreise nicht lange sehnlichst auf ein Zeichen warten. Kurz nach der Landung kündete eine Sms von der guten Ankunft. Wenig später meldete sich die Familie über Skype. Die älteste Enkelin ging mit dem Laptop im ganzen Haus herum und stellte die verschiedenen Zimmer und die Umgebung ihres vorübergehenden Zuhauses vor. Über Whats App und Mails nehmen wir seither Anteil an ihren Ausflügen und Erlebnissen. In Skype Gesprächen erzählen die Mädchen und ihre Eltern von der Schule, dem Alltag. Wenn wir nicht nur ihre Stimmen hören, sondern sie auch leibhaft vor uns sehen, scheint die Distanz aufgehoben zu sein. Es ist, als wären sie ganz nahe.

Und doch ist die Lücke nicht nur an Familienfesten deutlich spürbar. Sie sind da, und eben doch nicht greifbar. So freute ich mich wie vor Jahren wohl meine Mutter, als ich meine Enkelinnen und natürlich auch ihre Eltern nach langer Abwesenheit endlich wieder in die Arme schliessen konnte.
© 2016, Monika Fischer

> Text als PDF (200 KB)