Weniger ist oft mehr

Werden unsere Enkelkinder auch am neuen Wohnort genug Platz und Möglichkeiten zum Spielen finden? Diese Frage stellte ich mir vor dem Umzug vom grossen Geschäftshaus in eine relativ kleine Wohnung. Das alte Haus war für die Kinder eine eigentliche Fundgrube. Im Estrich, im Keller und in den verschiedenen Kämmerchen gab es viel zu entdecken. Zudem war mehr als genug Platz zum Herumtoben. Und zumindest an den Wochenenden konnte niemand durch den Lärm gestört werden.

Vor dem ersten Besuch der Enkelkinder in der neuen Wohnung hatte ich vorsorglich einige Möglichkeiten zur Beschäftigung bereitgelegt: Ballone zum Aufblasen und Seifenblasen. In einer Schublade lagen der kleine Hasenstall, Zusammensetzspiele, Bilderbücher, Material zum Zeichnen und Malen sowie für die älteren Enkelinnen ein paar Gesellschaftsspiele bereit.

Meine anfängliche Spannung legte sich rasch. Fasziniert beobachtete ich, wie die Kinder den neuen Wohnort entdeckten und in Besitz nahmen. Für die Kleinsten lag der Reiz allein schon im Durchmessen des langen Ganges oder in der Umrundung des Dreifamilienhauses. Auch der altvertraute Hasenstall und das Klavier hatten nach wie vor die grösste Anziehungskraft. Zum x-ten Mal setzten die mittleren die Zusammensetzspiele zusammen und wollten immer wieder die gleichen Bilderbuch-Geschichten erzählt hören.

Mit Freude beobachtete ich, mit welcher Kreativität sich die Mädchen mit dem Vorhandenen beschäftigten. Im Freien spielten sie «Verkäuferlis» mit Blütenblättern und verschiedenen Samen von verblühten Pflanzen. Blätter dienten als Verpackungsmaterial,

Kieselsteine als Zahlungsmittel. Ich fühlte mich zurückversetzt in meine Kindheit, als wir uns ähnlich vergnügten. Noch heute erinnert mich der Samenstand des Breitwegerichs an jene Zeit.

Da vom Bauernhof nur noch einige Holztiere vorhanden waren, dachte ich schon daran, als Weihnachtsgeschenk einen neuen Stall zu kaufen. Den Gedanken verwarf ich rasch, wurden doch die Kinder auch in dieser Situation kreativ. Aus Schachteln wurde ein Stall gebastelt, grüne Servietten dienten als Weiden für die Pferde und Kühe.

Einmal mehr wurde mir bewusst, wie wenig Vertrautes es braucht, damit Kinder sich auch an einem neuen Wohnort heimisch fühlen, ja wie Neues ihre Entdeckerlust anregt und sie angesichts eines Mangels ihre Kreativität entwickeln.

© 2017, Monika Fischer



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