Gauner – aber sicher keine Enkel!

„Schön, dich zu hören, da staunst du dass ich dich anrufe, nicht wahr“! Trotz frühem Morgen bin ich sofort hellwach. Mit oskarreifer Darbietung steige ich in das Gespräch ein, gebe mich etwas hilflos und freudig überrascht, dass sich mein „Neffe aus Deutschland“ wieder einmal meldet. Schnell wird klar, was er will: einmalige Gelegenheit – Mehrfamilienhaus an der Goldküste – Geldmittel erst morgen flüssig – rasches Handeln ist angesagt – da hilft die alte Tante doch sicher gerne aus, oder?

Aus einem früheren fehlgeschlagenen Versuch der Verbrecherjagd, weiss ich was ich zu tun habe. Erst nach einigem Zögern dem Geldverleih zustimmen und ja kein Anruf über das Festnetz bei der Polizei, es wird nämlich sofort nach dem ersten Gespräch kontrolliert ob der Anschluss wieder besetzt ist. Also, unbedingt nur mit dem Handy um kompetente Unterstützung beim weiteren Vorgehen bitten.

Eine halbe Stunde später steht ein gut getarnter Polizist in blauem Overall und Handwerkerkiste vor meiner Haustüre. Nach genauen Vorgaben führe ich in den nächsten zwei Stunden weitere Gespräche mit meinem „lieben Neffen“. Inzwischen weiss ich mehr über den geplanten Hauskauf. Er muss in der Zürcher Kanzlei Akten studieren und schickt deshalb seinen Anwalt: „Keine Sorge liebe Tante, er ist ein absolut vertrauenswürdiger Mann.“

Ich gehe, unauffällig begleitet von Polizisten, zur Bank: „Wir greifen sofort ein, falls sie angesprochen werden“. Zum Glück bin ich an diesem Morgen keinen Bekannten begegnet – das wäre das Dorfgespräch geworden, wenn sie nach freundlichem Gruss und einem Schritt auf mich zu verhaftet worden wären.

Alles klappt. Das Geld ist (vermeintlich) abholbereit und im Treppenhaus und in meiner Wohnung wachen zwei junge, athletische Polizisten zugriffbereit über meine Sicherheit. Dann heisst es warten, warten, warten.... Niemand erscheint. Eine Stunde und gefühlte 100 Tassen Kaffee später, wird die Aktion ohne spektakuläre Festnahme und ohne heldenhaften Beitrag meinerseits abgebrochen. Und meine Wohnung ist wieder männerlos - schade!

Manchmal wird das Haus von den Betrügern beobachtet. Darum marschiere ich nochmals unter Polizeischutz zur Bank. Dann kann ich, falls ich nochmals kontaktiert werde, voller Überzeugung behaupten: „Das Geld ist nicht mehr hier, ich habe es wieder zur Bank gebracht.“

Wie können diese Gangster nur so skrupellos sein? Obwohl ich immer wieder versicherte, dass die gewünschten 80`000.– Franken mein gesamtes Erspartes sei, haben sie keine Sekunde gezögert mir das Geld abzunehmen. Warum nur heisst ein so fieser Trick im Volksmund „Enkeltrick“? Ich bin überzeugt, Grosseltern wissen sehr genau wie viele Enkel sie haben, wo sie leben und wie es ihnen geht. Meine Enkel sind zwar erst 6 und 8 Jahre alt, aber ich bin sicher, ich werde sie solange ich lebe immer erkennen. Also nenne ich solche Betrügereien nicht Enkeltrick, es sind nämlich keine Enkel sondern ganz gewöhnliche fiese Gauner!
Ruth Fries

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