Harry Potter und die Politik

„Kannst du wirklich Ja oder Nein sagen und die machen es dann so, wie du willst?“, fragt mein Enkel Nicolas (10), und sein Blick schweift über die auf dem Esstisch ausgebreiteten Abstimmungszettel. Ich erkläre ihm, dass es doch nicht ganz so einfach abläuft und es darauf ankommt, wie die Mehrheit sich entscheidet. Wir unterhalten uns ausgiebig über das Wesen der Demokratie. Gespannt hört er mir zu, als ich ihm erkläre, dass ich als Frau früher nicht stimmen durfte und ich deshalb heute keine Abstimmung auslasse. Und auch wie wichtig es für mich sei, bei Wahlen die Politikerinnen und Politiker zu wählen, welche sozial denken und sich am ehesten für das Wohl aller Menschen einsetzen. „Genau wie bei Harry Potter!“, ruft Nicolas plötzlich mit leuchtenden Augen. Erstaunt frage ich nach, was das denn jetzt mit Harry Potter zu tun hat.

„Weisst du Grosi“, klärt er mich auf, „das Zaubereiministerium hat in der Hogwarts-Zauberschule alle Lehrpersonen ausgetauscht, die nicht genau das machten, was ihnen vorgeschrieben wurde. Sogar das Zaubern haben sie verboten!“ Seine Wangen röten sich vor Empörung. „Als sich Harry gewehrt hat, musste er ganz lange nachsitzen und schlimme Strafaufgaben machen. Bald waren an der Zauberschule nur noch böse Lehrer, die lieben Zauberer und Hexen waren alle fort! Nachdenklich betrachtet er die Stimmzettel, „und neue Lehrerinnen durften die Schüler auch keine aussuchen“.

Beim Einwerfen meines Stimmkuverts denke ich nochmals über die Worte von Nikolas nach. Beeinflusse ich mit meinen Zetteln wirklich die politischen Entscheide in diesem Land? Habe ich die richtigen Namen angekreuzt? Wie oft schon musste ich nach Wahlen und Abstimmungen Entscheide akzeptieren, die nicht nach meinen Wünschen waren. Ja, ja, ich weiss, so funktioniert halt die Demokratie. Und dann, ja genau dann wünsche ich mir jeweils einen Zauberstab oder zumindest einige Lektionen bei den alten Zauberern und Hexen in Hogwarts.

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© 2018 Ruth Fries