Peinlich, peinlich!

Powerpoint-Präsentationen finde ich oft langweilig. Seit Jahren benutze ich daher für meine Vorträge und Referate einen Flipchart. Ich halte darauf Stichworte fest und kann sie während dem Vortrag spontan ergänzen. Auch meine beiden Enkel finden dieses Papier toll, um grossflächige Werke zu kreieren. Ein ideales Format, um dem Körperumriss nachzufahren, Hand- und Fussabdrücke festzuhalten oder farbenfrohe, raumgreifende Regenbogen und gewaltige Gewitterwolken zu zeichnen.

Vor einiger Zeit erhielt ich die Einladung, einen Vortrag zu halten. Wie immer stellte ich meinen Flipchart auf und blätterte nach dem Titel «HERZLICH WILLKOMMEN» weiter und drehte mich zum Publikum. Erstaunt stellte ich fest, dass das Minenspiel der Zuhörerinnen und Zuhörer von höflicher Aufmerksamkeit zu Erstaunen wechselte, um dann von breitem Schmunzeln in hörbares Lachen überzugehen. Etwas aus dem Konzept gebracht, drehte ich mich zum Flipchart - und erstarrte zur Salzsäule. Gross und bunt prangte da die kindliche Zeichnung eines männlichen Geschlechtsteils. Anatomisch zwar nicht ganz korrekt, aber unverkennbar ein Penis!

Meine Gedanken überschlugen sich: Beteure ich das Offensichtliche, dass dies nicht meine Zeichnung ist? Erkläre ich den Anwesenden sachlich, dass sich meine Enkel in der entsprechenden Entwicklungsphase befinden und der Körper mit seinen Funktionen und Geräuschen für 5- und 7jährige Buben höchst aktuell und spannend ist?

Mit hochrotem Kopf drehte ich mich wieder den Anwesenden zu und tat das mir einzig mögliche: Ich erklärte, dass ich bei regnerischen Besuchstagen mein Büro mit den Enkeln teile und bisher der gemeinsame Gebrauch meiner Flipchartblätter höchst harmonisch verlief. Noch immer mit etwas erhöhtem Puls fuhr ich mit meinem Referat fort, aber während der ganzen Stunde blitzte in einigen Gesichtern der Studierenden immer wieder ein Lächeln auf.

Um eine peinliche Erfahrung reicher, kaufte ich meinen Enkeln umgehend eine eigene grosse Rolle Zeichenpapier, und ich werde mich hüten, darauf auch nur die kleinste Notiz oder einer meiner Gedankengänge aufzuschreiben.

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© 2016 Ruth Fries