So ein Theater!

Mit stolzgeschwellter Brust sitze ich im Gemeindesaal. Mein Enkel Nicolas (10) spielt in der Aufführung des Kindertheaters die männliche Hauptrolle. Zugegeben, er ist auch der einzige Junge in der Theatergruppe, aber ich persönlich bin überzeugt, dass es nur an seinem aussergewöhnlichen Talent liegt.

Da sitze ich nun und die Szene, in der er als Bandenführer auftritt ist beeindruckend.

In seiner schwarzen Lederjacke stolziert er breitbeinig, in machohafter Pose auf die rivalisierende Gruppe zu..... . da entdeckt er mich in der ersten Reihe. Er strahlt, winkt heftig und ruft deutlich hörbar „Hoi Grosi“, um danach gleich wieder mit finsterer Miene auf seine Gegner zuzumarschieren. Nun, vermutlich bin ich jetzt die Einzige in der Familie, die noch unerschütterlich an sein schauspielerisches Talent glaubt.

Einer Freundin von mir ist Ähnliches passiert: Ihr Enkel spielte in der Weihnachtsgeschichte den Wirt der Herberge. Drehbuchgemäss mürrisch, wartete er bis Maria und Josef anklopften. Er öffnete die Türe, hörte sich ihre Bitte an und antwortete mit breitem Lächeln: “ Ja, chömed nur inne, mer händ schon no Platz!“

Vermutlich standen bei den Aufführungen die Regisseurinnen händeringend hinter dem Vorhang und schworen sich „Nie, nie wieder mit Darstellern die jünger als 40 Jahre alt sind, mehrere renommierte Schauspielschulen besucht haben und mindestens 20 Castings heil überstanden haben zu arbeiten!“ Das Publikum aber quittierte in beiden Fällen die eigenwillige Interpretation der kleinen Schauspieler mit grossem Applaus.

Beeindruckend wie spontan Kinder dem Gefühl folgen: In diesem Moment ist das, was ich tue richtig, egal was andere von mir erwarten! Nachahmenswert, denn wer von uns hätte nicht manchmal Lust, in bestimmten Situationen das (Lebens-) Drehbuch etwas zu ändern? Versuchen wir es doch - vielleicht braucht es dazu nur den Mut unserer Enkelkinder!

© 2016 Ruth Fries

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