Einen Vogel haben

Als ich nach dem Tod meiner Eltern ihr Haus räumte, habe ich bei Papas Sachen sein Portemonnaie gefunden. Es hatte sich der hinteren Hosentasche angepasst und war im Laufe der Jahre etwas rund geworden. Darin fand ich einen Zettel mit Notizen. Taxifahrer, Petrus, geschüttelt. Was ist denn das? Aha, Notizen für Witze! Papa ist immer im rechten Moment ein Witz eingefallen. Jetzt weiss ich ihn wieder: Ein Pfarrer und ein Taxifahrer kommen zu Petrus. Der Pfarrer sagt: „Kann ich gerade hineingehen?“ “Wart mal“, meint Petrus. „Ich muss mal nachsehen, was du so gemacht hast.“ Kurz darauf sagt er zum Taxifahrer: „Du kannst hineingehen.“ Da sagt der Pfarrer: „Warum nicht ich?“ „Wenn du gepredigt hast, dann sind die Leute eingeschlafen. Wenn der Taxifahrer um die Kurve gefahren ist, dann haben sie gebetet.“

Wenn ich auf mein Leben zurückschaue, dann waren es oft nicht die schönen Vorstellungen in meinem Kopf, die mich etwas gelehrt haben, sondern wenn das Leben mich geschüttelt hat. Manchmal brauchte ich einen Schreckpunkt, damit ich anfing Dinge neu anzuschauen.

Neben den Schreckpunkten braucht es auch Liebespunkte. Wenn ich spüre, da bin ich mit ganzem Herzen dabei.

Als ich nach vielen Jahren als Dozentin für Erwachsenenbildung aufhörte, da hat mir eine Studentin einen Vogel geschenkt. Darauf hatte sie ein Nähkissen mit einem roten Faden montiert. „Du hast uns gelehrt, dass man einen Vogel haben muss. Ohne Begeisterung bleiben Kurse etwas Staubiges., Langweiliges. Und du hast uns gezeigt, wie wir dabei den roten Faden nicht verlieren.“

Die Hirnphysiologen haben herausgefunden, dass Begeisterung Dopping ist für unser Gehirn .

Wenn man früher gesagt hat: die Frau, die hat einen Vogel, dann war das als Kompliment gemeint. Der Vogel ist etwas, was Erde und Himmel verbindet. Etwas, was etwas Weites in unseren Alltag bringen kann.

Die mit einem Vogel passen allerdings oft nicht in die gängigen Schubladen. Nun wer will mir denn als 70 jähriger Frau noch sagen, in welche Schublade ich zu passen habe. Da entdecke ich etwas von der Närrinnenfreiheit des Alters.

Mutter Theresa hat gesagt: Es kommt nicht drauf an, wie viel ich gearbeitet habe, sondern wie viel Liebe in meiner Arbeit war.

Um nochmals zu Petrus zurückzukommen. Ich kann mir vorstellen, dass beim Eingang zum Himmel so etwas wie ein Skanner steht. Wenn wir durchgehen, leuchten unsere Liebespunkte auf.

Sylvia Frey Werlen

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