Fluchen ist das Fussbad der Seele

Heilandzäcknonemol!

„Schmiere und salbe hilft allethalbe“, sagte mein Vater wenn d „Gütterli“ im Badezimmer immer mehr wurden. Manchmal nützen aber all die Fläschlein und Pillen einfach n i c h t s. Es tut weiter weh. Man ist weiterhin eingeschränkt. Und sowieso.

Meine Freundin Marlis schreibt, dass die Pollen sich zurzeit auf sie stürzen, so dass sie die herrlichen Frühlingstage nur durch die Fenster anschauen kann. Und ich habe gerade grausig Schluck- und Ohrenweh. Da helfen die gesammelten Schächtelchen im Apothekerkästchen reichlich wenig.

„Du arms Dudelidu“, hätte die Mutter von Marlis da gesagt. Jawohl, das sind wir! Und wir zwei beschliessen, dass sie ein Mail lang so richtig saftig klagen kann und dann bin ich dran. Zusammen so schön reklamieren, das macht ja schon direkt Spass.

Das erinnert mich an Zeiten , als ich als junge Mutter genervt war wie nur etwas und Anne-Lea und Andri, meine zwei Kleinen, gerade auch. Da sagte ich: „So, Zyt fürs Glasverdätsche.“ In der Küche konnte jeder von uns ein paar Mal in den Sack mit dem Altglas greifen und ein Glas saftig auf den Küchenboden schmettern. Und dazu musste man so richtig wüescht reden: „Gopfnonemol, mir schtingts“, oder so. Es gab dabei klare Spielregeln. Wir standen alle in einer Reihe und warfen zum Radiator hin. Und die Kinder mussten danach beim Aufräumen helfen. Und wenn am Schluss immer noch da und dort eine kleine Scherbe war, dann bekamen die Kinder von mir für jedes Glasteilchen ein Mündschi. Und dann war die Luft wieder sauber, wie nach einem Gewitter.

Zu dieser familiären Psychohygieneintervention wurde ich durch das Griechenbeizli an der Ecke inspiriert. Wenn’s gegen Mitternacht ging, dann liess sich jeweils ein „vigulanter“ Mann eine Beige Teller reichen, und dann zerschlug er die mit viel Eleganz. Da habe ich als braves SchweizerMädchen grosse Augen gemacht.

„Fluchen ist das Fussbad der Seele“, sagte ein alter Priester. Und wenn wir nun in diesen vierten obermühsamen Lebensabschnitt kommen, wo dauernd etwas nicht mehr so geht, wie wir wollen, dann brauchen wir doch auch unser Ventil.

Manchmal fürchte ich, jetzt werde ich langsam aber sicher zur räsen Alten. Aber die nette, stets so ausgewogene Sylvia, das war ich schliesslich schon mein Leben lang mehr als genug.

Da habe ich es gut. Ich kann, wenn’s wieder einmal nötig ist, bei Pina und Urs läuten und sagen: „Darf ich bei euch 10 Minuten rässele? Ihr bekommt dann beide auch einen Gutschein von mir für 10 Minuten PfusRauslassen.“

Letzthin habe ich, als meine kleine Lovis da war und ich so husten musste, gesagt: „Heilandzäcknonemol!“ Worauf meine Schwiegertochter und mein Sohn staunten: Sagte sie doch zu Hause immer wieder strahlend: „Heilizäggimol.“

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© 2018 Sylvia Frey Werlen