Vom Grüssen

Grüssen öffnet.
Afrika

Als junge, neu zugezogene Frau in Zürich kannte ich in unserem modernen Wohnblock fast niemanden. Man grüsste sich nicht. Aber eigenartig, wenn man dort im alten Dorfkern beim kleinen Kirchlein spazieren ging, haben sich auch Unbekannte gegrüsst, einfach so. Gab es da ein wenig Heimweh nach dem Gefühl: Der sieht mich, der kennt mich, ich gehöre dazu?

Als ich letztes Mal zu Silan, meinem kleinen Enkelsohn kam, sass er am Küchentisch vor seinem Yoghurt und sah nicht auf, als ich ihn grüsste. Da machte ich das Fenster auf und sagte laut zum Raben auf dem Dach: „ Sali Silan.“ Hu, da machte der Kleine grosse Augen, lachte und sagte dann zu seinem Bären, der auf einem Stühlchen neben ihm sass: „Sali Nonna.“

Nun wohne ich seit vielen Jahren in unserem Quartier in Basel. Einen der Nachbarn, den sah ich jahrelang kaum. Seine Rolladen waren immer geschlossen. Als ich ihn einmal im Garten sah, grüsste ich ihn. Er schaute zum Baum hinauf und reagierte nicht. Da dachte ich, ich will doch schauen, ob ich ihn nicht zu einem Gruss bringen kann! Und jedes Mal, wenn ich ihn sah, grüsste ich ihn. Erstaunt und ein wenig misstrauisch hat er sich schliesslich zu einer Andeutung eines Grusses überwunden. Und jetzt, wenn ich mit dem Velo auf dem kleinen Weg heimkomme durch unsere Gärten, grüsst er mich freundlich lächelnd schon von weitem. Und vorgestern hat er meinem Mann und mir sogar etwas sehr Witziges gesagt. Dadurch ist etwas lebendiger und wärmer geworden.

Ignorieren, wegschauen, wie Luft behandeln. Das zieht Mauern hoch, hinter denen man sich nicht mehr sieht, hinter denen Vorurteile und Ängste wuchern können. In unserem Quartier mit den

alten Genossen-schaftshäusern haben die meisten Haustüren noch Glas. Durch sie kann man sehen wer kommt. Wer von aussen kommt und wer von innen. Anders als bei zugepflasterten Türen, durch die man nur durch einen Spion äugen kann.

Wenn ich grüsse, mache ich die Augen auf und sehe, wer und was auf mich zukommt. Ich bin beweglicher und offener für Neues.

Als ich letzthin in einem Bahnhof an den schönen Plakaten von Menschen aus aller Welt vorbeiging, da dachte ich: Grüezi ihr Frauen, Männer und Kinder von weit weg. Versuchen wir es miteinander, auch wenn es nicht immer einfach ist. Vielleicht geht’s ja.

© 2017, Sylvia Frey Werlen



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